Das Dilemma

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Bürgerversammlung am 5. September in Blumenberg
Bürgerversammlung am 5. September in Blumenberg
Das Thema Flüchtlingscontainer ist in Blumenberg allgegenwärtig – beim Gespräch auf den Bänken der Promenade, im Edeka-Laden beim Einkauf und im Web sowieso. In Zeiten der Social Media ist es auch nicht verwunderlich, dass die Nachricht über die Pläne der Stadt auch die weitesten Winkel im Stadtteil erreichte und heftige Reaktionen hervorgerufen hat. Schon am 5. September trafen sich ca. 120 Blumenberger auf dem privaten Garagenhof, dem gegenüber geplant ist, die Anlage aus drei Einheiten Container aufzustellen. In angespannter, aber dennoch ruhiger Atmosphäre hörte man die wohl einstimmige Meinung heraus – Flüchtlinge – ja, Wohncontainer in der Form und an dem Standort – nein. Moralische Pflicht gegen rationale Bedenken. Ein Dilemma.

Pfarrer Ottinger-Kasper stand mit seinem Plakat „Herzlich willkommen, denn Menschlichkeit hilft Kriegsflüchtlingen" in einer kleinen Gruppe anderer Bewohner auf dem Bürgersteig direkt gegenüber. Ein Gespräch mit den Anwohnern zu suchen, war wohl nicht seine Absicht.

Und so kam es, dass sich in den nächsten Tagen die Situation noch weiter zuspitzte. Prompt haben rechts-politische Gruppierungen versucht, die Unzufriedenheit der Anwohner auszunutzen – durch anonyme Kommentare auf der Blumenberg-Website, durch Anstachelung bei Facebook, aber auch Gründung von weiteren Facebook-Gruppen. Eine Online-Petition „Nein, zu den Asyl-Containerdörfern in Köln-Blumenberg und Worringen" wurde gestartet, mit dem Ziel 10-Tausend Unterschriften innerhalb von 60 Tagen zu sammeln. Eine recht unrealistische Absicht, denn dafür bräuchte man wohl Unterschriften mindestens von allen Erwachsenen in Worringen und Blumenberg zusammen. Und in zwei Monaten stehen höchstwahrscheinlich schon die Container.

Auch die Linke Szene ließ nicht lange auf sich warten und schon entsteht eine Gegen-Bewegung bei Facebook „Ja, zu den Asyl-Containerdörfern in Köln-Blumenberg und Worringen". Die Wahrheit liegt, wie immer, in der Mitte. Oder auf der Strecke, je nach Standpunkt.

Das tiefste Misstrauen gegenüber der Stadt

Der stärkste Katalysator der ablehnenden Haltung der Bürger dürfte die Stadt Köln selbst sein. Der unmittelbare Anlass war natürlich der Aktionismus der Stadt in den letzten Wochen, als die seit 2004 geltenden "„Leitlinien zur Unterbringung und Betreuung von Flüchtlingen in Köln“" außer

Der stärkste Katalysator der ablehnenden Haltung der Bürger dürfte die Stadt Köln selbst sein.

Kraft gesetzt wurden und Bewohner von drei Stadtteilen mit dem Bau von Containersiedlungen überrascht wurden. Die „Erfolge" der städtischen Strukturen bei der Bewältigung des Flüchtlingsproblems auch in ruhigeren Zeiten, lassen sich anhand von Titeln der lokalen Presse ablesen: „15 Tage nicht mehr geduscht", „Kinder leiden am meisten", „Katastrophale Zustände in Flüchtlingsheimen", „Sisyphus-Arbeit im Flüchtlingsheim". Die dazu gelieferten Fotos, Zahlen und Meinungen dämpfen stark den Glauben an die Fähigkeit der Stadt Köln mit Krisensituationen umzugehen.

Der Umstand, dass die Stadt nun zu Notmaßnahmen greift, um außerplanmäßige Flüchtlinge mit einem Dach über dem Kopf zu versorgen, erweckt den Eindruck, so etwas wie eine Art Befreiungsschlag zu sein. Nun muss sie sich an die eigenen Auflagen nicht mehr halten und ergreift scheinbar willkürlich weitere Maßnahmen. Aus dem ganzen Gebiet der Stadt Köln hat man aus 136 Grundstücken nur acht für die Wohncontainer als passend erklärt: „Alle verfügen über eine Fläche von mindestens 1500 Quadratmetern und befinden sich in Stadtteilen, die als sozial stabil eingestuft werden. Kriterien, wie die Entfernung zur nahe gelegensten Flüchtlingsunterkunft, gute Integrationsmöglichkeiten durch Vereine in der Nachbarschaft und die Zahl der bereits im Stadtteil lebenden Flüchtlinge seien in die Entscheidung einbezogen worden." (Neuer Raum für Flüchtlinge, KStA)
Nun hat man das Problem, dass weitere Standorte benötigt werden. Der gesunde Menschenverstand lässt vermuten, dann nimmt man wohl die Positionen 9 bis 11 in der Rangliste der geeigneten Standorte. Will Sozialdezernentin Henriette Reker allen Ernstes behaupten, Blumenberg wurde von Anfang an unter den Top 11 gehandelt?

Der Stadtteil in Rot

Bei aller Polemik darf man die eigentlichen Menschen nicht vergessen – Flüchtlinge, die den Schrecken des Krieges erleben mussten und sich nach Schutz und Sicherheit sehnen. Diese Leute aufzunehmen und sie möglichst gut zu integrieren ist die Aufgabe nicht nur der Stadt, sondern auch aller Kölner. Auch in Blumenberg. Allerdings ist es die Pflicht der Politik auch dafür zu sorgen, dass die Integration möglichst optimal verläuft.

2/3 der Bevölkerung in Blumenberg hat einen Migrationshintergrund. Wer integriert da wen?

Ob eine gelungene Integration von 120 Flüchtlingen in einem Stadtteil wie Blumenberg möglich ist, lässt sich wohl bezweifeln, denn schon jetzt hat hier 2/3 der Bevölkerung einen Migrationshintergrund. Unter der 18 Jährigen sind es sogar 69,7 % (Stand 2011). Wem die Zahlen zu abstrakt sind schaue sich bitte die Grafik im EXPRESS an. Blumenberg ist hier in Rot eingefärbt. Wer integriert wen in Blumenberg? Zum Vergleich: der Durchschnittswert beträgt in Köln 33,2%.

Auch sucht man vergeblich nach starken bürgerlichen Strukturen in Blumenberg. Ganze zwei Vereine haben sich in Blumenberg gebildet – der Karnevalsverein und die IG Blumenberg, die sich erst seit einem Jahr als e.V. bezeichnen darf. Der umtriebige Verein hat schon einiges im Stadtteil bewegt, kann sich aber leider nur auf ein Dutzend aktive Mitglieder stützen. Blumenberg hat keinen eigenen Sportverein, dabei ist der Sport das beste Integrationsmittel insbesondere für Jugendliche.

Die Anwohner

Wohncontainer
Wohncontainer
Auch wenn das Thema politisch inkorrekt ist – bewegt es wohl in diesem Fall doch viele Anwohner. Der Standort Langenbergstraße scheint einer der wenigen zu sein, der in einer reinen Einfamilienhaussiedlung liegt. Und die Häuslebesitzer machen sich Sorgen um den Wert ihrer Immobilien. Kölns Sozialdezernentin Henriette Reker nimmt es gelassen: "Bezüglich des Wertverlustes, der befürchtet wird, kann man natürlich immer nur darauf hinweisen, dass Köln eine wachsende Stadt ist, mit Verknappung von Wohnraum und schon aus diesem Grund, dass da Häuser gegenüber sind oder in der Nähe, wo Flüchtlinge wohnen, sicherlich kein Wertverlust eintreten wird." (Deutschlandfunk, „Nicht überall willkommen"). Das klingt beruhigend. Die Experten haben aber dazu eine differenziertere Meinung.

"Die Leute hier haben sich ihr Eigenheim lange erspart und jetzt Angst, dass es an Wert verliert", sagt ein Mann auf einer Informationsveranstaltung für Bürger im Nürnberger Stadtteil Maiach. Dort sind Flüchtlinge in ein Hotel einquartiert worden, weitere könnten folgen. Der Mann hat seinen Satz kaum beendet, da klatschen viele der etwa 200 Menschen im Saal Beifall. Inwieweit beeinflussen Flüchtlingsunterkünfte den Wert von nahegelegenen Wohnimmobilien?

Sachverständige tun sich schwer, konkrete Zahlen zu nennen, und verweisen stattdessen auf verschiedene Einflussfaktoren: Bei einer hohen Nachfrage nach Immobilien sei der Einfluss auf den Wert geringer als in Angebotsmärkten, sagt Birger Ehrenberg, geschäftsführender Gesellschafter von ENA experts. Grundsätzlich gelte zudem, dass Mietshäuser weniger stark beeinflusst sind als selbst genutztes Eigentum, erklärt der Potsdamer Sachverständige Ullrich Werling. "Ein Mieter sagt sich: Wenn es mich stört, zieh ich wieder um. Auswirkungen auf die Rendite von Immobilieneigentümern dürften deshalb eher geringer sein." Eigennutzer dagegen seien sensibler, "sie binden sich fürs Leben". Den Einfluss sieht Werling auf einen geringen Umkreis zur Flüchtlingsunterkunft beschränkt. Er nennt da 400 m, betont aber, dass jedes Haus einer Einzelfallbetrachtung bedarf. Stehe es in Sicht- und Hörbeziehung zur Unterkunft oder sei es an einer Bushaltestelle, an der es häufig unruhig zugehe, könne das den Wert stärker senken. Ferner reagierten die Werte in hochpreisigen Villengegenden sensibler als in einfachen Wohnlagen. Konkrete Zahlen? Ganz grob: Im Radius von 400 m bis zu 10%. "Aber man muss wirklich den Einzelfall betrachten."" (Immobilien Zeitung, „"Wer das schnelle Geld will, bekommt massive Probleme").

Gestern, am 10. September hat die Stadt Köln angefangen das Grundstück an der Langenbergstraße zu vermessen. Die Informationsveranstaltung in Blumenberg soll aber erst am 24. September stattfinden. Die Stadt will also Fakten schaffen. Mit dem Fingerspitzengefühl eines Bulldozers will sie die Entschiedenheit demonstrieren ihre technokratischen Notfallpläne durchzusetzen. Wenn die Staatsgewalt das einzige Argument der Stadt Köln ist – na dann gute Nacht Köln! 

Alexander Litzenberger, 11.09.2014

Foto 1. Bürgerversammlung vom 5. September an der Langenbergstraße, ©koeln-blumenberg.de

Foto 2. Wohncontaineranlage in Nippes. Die Container in Blumenberg werden deutlich größer sein. ©koeln-blumenberg.de

 

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