Detlev Geiß: 35 Jahre im Dienste der Kindergesundheit in Chorweiler

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Seit ca. neun Jahren ist die Praxis von Kinderarzt Detlev Geiß und Praxispartnerin Ute Stolle die einzige im Stadtteil Chorweiler-Zentrum. Damals, 2008, hatte sein Kollege sich entschieden nach Longerich zu ziehen. Der Kinderarzt Geiß blieb dem Veedel treu. Inzwischen ist er im Rentenalter, arbeitet aber weiter, weil es ihm Spaß macht und nicht zuletzt auch, weil noch kein Nachfolger für die Praxis gefunden ist.

„Du hast doch Hände wie eine Hebamme!“

Detlev Geiß ist in Köln aufgewachsen. In Deutz hat er das Gymnasium besucht und sein Abitur gemacht. Nach der Schule konnte er sich zunächst für keinen Beruf entscheiden und meldete sich kurzerhand bei der Bundeswehr. Relativ schnell begriff er, dass ihm das Los eines Soldaten doch nicht gefällt. Mit der Bemerkung: „Du hast doch Hände wie eine Hebamme!“ hat ihn ein Kamerad zufällig auf die richtige Schiene gebracht. Der junge Detlev entschied sich, Arzt zu werden und kurz darauf begann er mit dem Medizinstudium. In dieser Zeit begeisterten ihn die großartigen Erfolge Prof. Hollmanns, Infarktpatienten in Herzsportgruppen zu rehabilitieren und so wollte er Kardiologe werden und selbst in der Rehabilitation arbeiten. Das Schicksal wollte es aber anders: Ihm wurde eine Stelle in der Uni-Kinderklink Köln angeboten und da wollte er nicht ablehnen. Die Kinderheilkunde gefiel ihm gut und so kam es, dass Detlev Geiß Kinder- und Jugendarzt wurde. Sein Ziel war, auch Menschen in schwierigen Lebensumständen eine gute medizinische Versorgung zukommen zu lassen.

Die Familie spielt eine große Rolle

Schon als Student heiratete Detlev Geiß und hat inzwischen fünf Kinder (drei eigene, zwei Pflegekinder) und sechs Enkelkinder.
Die Familie spielt überhaupt eine sehr große Rolle in seinem Leben. Seine Ehefrau Hanne, gelernte Sozialarbeiterin, hat ihm den Rücken gestärkt und  die Verwaltung der Praxis übernommen. 10 Jahre lang war sie außerdem Vorsitzende der Schulpflegschaft im Heinrich-Mann- Gymnasium.

Viele junge Ärzte bevorzugen ein Angestelltenverhältnis

Herr Geiß macht die Beobachtung, dass immer mehr Frauen den Arzt-Beruf wählen. Viele von ihnen suchen nach Möglichkeiten, Berufs- und Familienarbeit vereinbaren zu können. Eine ausgewogene Life-work-balance ist das Motto der heutigen Generation.

Die meisten möchten deshalb lieber angestellt sein, anstatt eine eigene Praxis zu führen. Dafür ist auch nicht jeder geeignet, - man muss nicht nur Arzt sein, sondern auch Manager und manchmal sogar Handwerker. Die Anforderungen an eine Praxisführung sind durch viele Gesetze und Vorschriften gestiegen, das Honorar aber fast gleich geblieben.

Mit den Jahren sind auch zusätzliche Vorsorge-Untersuchungen hinzugekommen und die Chorweiler-Spezifik sind natürlich Kinder mit Herkunft aus aller Welt.

Detlev Geiß denkt deshalb mit Dankbarkeit an seine Schulzeit im Neusprachlichen Gymnasium Deutz zurück: Mit dem damals gelernten Englisch und Französisch kann er sich heute mit Menschen aus vielen Ländern verständigen. Ein paar Brocken polnisch, italienisch und türkisch kann er auch, mit der arabischen und einigen exotischen Sprachen ist er noch nicht so weit, aber man lerne doch lebenslang hinzu. Von anderen Kulturen könne man auch eine andere Sicht auf gewöhnliche Dinge lernen. Er bringt ein Beispiel: „Was sieht ein Europäer, wenn er zwei Hände betrachtet? Er sieht 10 Finger und hält ein Dezimalsystem für völlig natürlich. Bei einem Stamm in Südamerika sieht man acht Fingerzwischenräume und rechnet, genauso natürlich, mit einem Achtersystem“

Patientenstimme
„Ich gehe schon dorthin seit ich ein Baby war und nun bin ich 16 und ich gehe immer noch gerne dorthin. Die Ärzte haben mein vollstes Vertrauen und sie sind auch immer freundlich. Das gilt auch für die Arzthelferinnen! Diese Praxis ist nur weiter zu empfehlen, auch wenn man ohne Termin etwas länger warten muss“.

Das ehrenamtliche Engagement

Ingrid Hach (Vorsitzende des Kindernöten e.V.) würdigt das Engagement von D. Geiß (l.).

Auch wenn die Praxisarbeit sehr viel Zeit in Anspruch nimmt, engagierte sich Detlev Geiß langjährig bei seinem Berufsverband, der Kassenärztlichen Vereinigung und der Betreuung einer Herzsportgruppe. Immer noch ist er im Vorstand des Vereins „Kindernöte e.V.“ tätig, den er vor 20 Jahren mitbegründet hat. Gerade dieses Ehrenamt betrachtet er als Ergänzung und manchmal Fortsetzung seiner kinderärztlichen Tätigkeit. Sein Kommentar:“ Die Welt wäre viel ärmer, wenn jeder nur das machte, was er muss!“.

Das Besondere an Chorweiler

Die Situation von Patienten in Chorweiler ist speziell. Über 80% der Patienten haben einen Migrationshintergrund; die Allermeisten sind in einer gesetzlichen Krankenkasse versichert; davon ca. die Hälfte bei der AOK Rheinland/Hamburg. Dies hat auch Vorteile, da die Zusammenarbeit mit der AOK sehr gut ist, die als einzige noch einen Zweigstellensitz im Chorweiler/City-Center hat. So konnte der Kinderarzt mit Unterstützung der AOK eine türkischsprachige Mitarbeiterin mehr beschäftigen.

Detlev Geiß arbeitet sehr gerne als Arzt in Chorweiler und das schon seit 35 Jahren. Zusammen mit seiner Praxispartnerin Ute Stolle  und dem Kinderarzt Dr. Blümchen betreut er ca. 2000 Patienten pro Quartal.

NRW-Landtagsabgeordneter Andreas Kossiski, SPD
Chorweiler steht vor einer einschneidenden Veränderung. Der allseits anerkannte Kinderarzt Herr Geiß geht in den wohlverdienten Ruhestand. Herr Geiß war in den letzten 5 Jahren ein wichtiger Gesprächspartner für mich, der den Stadtteil bis ins kleinste Detail kennt. Seine wichtige Arbeit für die Menschen ist nicht hoch genug zu loben. An die Verantwortungsträger, mit denen ich im Gespräch bin, habe ich die Bitte formuliert sehr zeitnah eine Entscheidung zur Nachfolge zu treffen. Jegliche Form von ärztlicher Versorgung ist für unseren Stadtbezirk von enormer Bedeutung. Eine längere Vakanz wäre fatal.

Was kommt nach der Ära Geiß?

Wie lange kann er noch weiter machen? Herr Geiß wird im nächsten Jahr 70 Jahre alt. Er betrachtet seine Arbeit schon lange als ein gern ausgeübtes Hobby. Bis jetzt sind keine Nachfolger in Sicht, die die umfangreiche Verantwortung für eine Praxisführung in Chorweiler übernehmen wollen.

Kinderarzt Detlev Geiß und Praxispartnerin Ute Stolle (l.)

Detlev Geiß: „Durch einseitige, zum Teil auch unfaire Berichte wird Chorweiler leider von außen als schwieriger Brennpunkt-Stadtteil wahrgenommen. Obwohl nur wenige Stadtteile einen so großzügigen Zuschnitt haben mit vielen Fußgängerzonen, zentralen Einkaufs- und Verwaltungseinrichtungen und einer grünen Umgebung durch zahlreiche große Parks bis hin zu den Fühlinger Seen. Es gibt gute und schnelle Verkehrsanbindungen an das Stadtzentrum und viele gute Einrichtungen für Kinder von Kindergärten bis zum Gymnasium.

Die Arbeit hier ist für uns Ärzte sehr beglückend: wir können die Menschen mit dem guten medizinischem Standard unseres Gesundheitssystems wie auch mit vielfältigen Hilfen zur kindlichen Entwicklung versorgen, wir werden respektiert und geachtet; dies weit über die meist langjährige kinderärztliche Betreuungszeit hinaus!
Wenn sich die Nachfolgefrage stellt, sind wir voller Zuversicht, daß, nicht zuletzt durch den engagierten Einsatz der „Kassenärztlichen Vereinigung“ in Köln, eine gute Lösung gefunden werden wird, die Chorweiler Kinder und Jugendlichen weiterhin vor Ort gut ärztlich zu versorgen“.
Der Appell von Kinderarzt Detlev Geiß weiter an junge Ärzte lautet: „Kommt zu uns nach Chorweiler, ihr werdet es nicht bereuen!

07.07.2017, Larissa Owtscharenko unter Mitwirkung von Vera van Beveren und Alexander Litzenberger

 

Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein
Bei der Frage, wie viele Vertragsärzte sich in bestimmten Regionen/Städten niederlassen dürfen, ist die so genannte „gesetzliche Bedarfsplanung“ die entscheidende Größe. Es gibt sie im Kern seit 1993; das für die Bedarfsplanung entscheidende Gremium ist der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) in Berlin, der entsprechende Richtlinien erlässt. In diesen Richtlinien sind u.a. die Planungsbereiche für die einzelnen ärztlichen Fachgruppen, sowie die entsprechenden Zahlenverhältnissen zwischen Vertragsärzten und gesetzlich Versicherten Patienten definiert.

Im Bereich der Stadt Köln sind aktuell 86 Kinderärzte niedergelassen, der statistische Versorgungsgrad liegt bei rund 122 Prozent. Nach den Regelungen der Bedarfsplanung bildet die Stadt Köln im Bereich der Kinderärzte einen zusammenhängenden Planungsbereich - es wird also nicht stadtteilbezogen geplant bzw. separat zugelassen; insofern können niedergelassene Ärzte innerhalb der Stadt verschieden verteilt sein. Gemessen an den Vorgaben der Bedarfsplanung ist derzeit in Köln eine ausreichende Zahl an Kinderärzten niedergelassen. Durch den hohen Versorgungsgrad von 122 Prozent gilt Köln im kinderärztlichen Bereich formal sogar als „überversorgt“ – eine Überversorgung beginnt bei der Fachgruppe der Kinderärzte ab einem Versorgungsgrad von 110 Prozent. Sobald der Versorgungsgrad einer ärztlichen Fachgruppe einen Versorgungsgrad von 110 Prozent überschreitet, wird der Bereich planungstechnisch für die jeweilige Arztgruppe gesperrt. Weitere bzw. zusätzliche Ärzte dieser Fachgruppe dürfen dann nicht mehr zugelassen werden. Allerdings ist die Übernahme von bereits bestehenden Praxen möglich.

Um trotz formaler „Überversorgung“ einen Facharzt in einen bestimmten Stadtteil zu „lotsen“, gibt es allerdings zwei Möglichkeiten:
1.) Ein bereits niedergelassener Kinderarzt verlegt innerhalb der Stadt seinen Praxissitz und zieht mit seiner Praxis um an einen neuen Standort, z.B. in Köln-Chorweiler.
2.) Ein neuer Arzt stellt bei den gemeinsamen Zulassungsgremien der Ärzte und Krankenkassen (dem so genannten „Zulassungsausschuss“) einen Antrag auf Sonderbedarfszulassung. Diese setzt allerdings einen besonderen lokalen Versorgungsbedarf voraus und muss vom antragstellenden Arzt entsprechend begründet bzw. nachgewiesen werden.

Als KV Nordrhein haben wir die Gesamtsituation der kinderärztlichen Versorgung Kölns in jedem Fall ständig im Blick und stehen mit unseren örtlichen Verantwortlichen in engem Austausch. Sollte sich die Versorgungssituation im Bereich künftig verändern werden wir geeignete Lösungen suchen und umsetzen.

Antwort der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein auf die Anfrage der Redaktion, 28.06.2017

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