"Ja, wir können noch Kirchen bauen."

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 Josef Lorenz, Architekt aus Heimersdorf
Josef Lorenz, Architekt aus Heimersdorf
Wie setzen unsere Reihe „Menschen in Chorweiler“ fort. Heute stellen wir Ihnen einen Architekten vor - Josef Lorenz aus Heimersdorf.

Wir treffen uns bei Herrn Lorenz in seinem Haus. Er hält schon viele dicke Mappen parat – Erinnerungen an die wichtigsten Ereignisse seines Lebens. Da spiegelt sich nicht nur die private Geschichte, sondern auch die der Stadt und teilweise sogar die der Weltgeschichte.

Gesellenbrief in nur eineinhalb Jahren

Geboren ist Josef Lorenz 1933 in Obrawalde bei Posen (früher Deutschland, heute gehört es zu Polen), aber eingeschult wurde er in Duisburg. Nach der Schule hat er eine Lehre in Rheinhausen als Bauzeichner gemacht und nach drei Jahren abgeschlossen. Aber damit war der junge Josef bei Weitem noch nicht zufrieden: Er wollte studieren. Dafür hat er vorzeitig seinen Maurer-Gesellenbrief in 1,5 Jahren geschafft - mit Sonderprüfung. Normalerweise dauert es doppelt so lang. Nebenbei bemerkt: nur zwei von 42 Gesellen haben es geschafft. Aber unser heutiger Held war sehr zielstrebig, ehrgeizig und einfach begabt.

Seinen ersten Auftrag hat er von seinem zukünftigen Schwiegervater bekommen: Es war ein Gartenhaus mit Kamin. Es ist wohl überflüssig zu erwähnen, dass der Auftraggeber  mit der Arbeit sehr zufrieden war.

Liebe als Ansporn

Danach ging es nach Taunus, in die Königlich Preußische Stadtbauschule. Die hat Josef mit Bravour in fünf Semestern hinter sich gebracht. Zum Vergleich - üblicherweise brauchte man dafür 10 bis 11 Semester. Aber Josef war sehr motiviert, denn im Hause des oben genannten Auftraggebers hat er auch seine große Liebe gefunden - die Tochter des Hausherren Hildegard und wollte deshalb schnell auf eigenen Beinen stehen.

Dann ging es zurück nach Rheinhausen. Eine alte Mühle wurde zu einem Getreidesilo umgebaut. Nun wollte sich der junge Architekt aber auch weiter entwickeln. Er hat den berühmten Kirchenarchitekten Dr. Herrmann in Kleve angeschrieben und ihm seine Arbeiten vorgestellt. Dr. Herrmann war sehr beeindruckt und nahm Josef Lorenz unter seine Fittiche. Ab sofort durfte er ein großes 3-geschossiges Haus bauen mit einer Arztpraxis  im Erdgeschoss, im ersten Stockwerk eine Beamtenwohnung und ganz oben Josef Lorenz mit Hildegard, die inzwischen seine Ehefrau geworden war. Wir schreiben das Jahr 1958. Ein Jahr später wurde die erste Tochter geboren. Danach kamen noch drei Kinder zur Welt. „Das war die glücklichste Zeit meines Lebens“, so Lorenz.

Und dann ging es erst recht los

In einem internationalen Wettbewerb in Syrakus hat das Büro Dr. Herrmann den 10. Platz von Bewerbern aus allen Nationen belegt.
1964 - Umzug nach Heimersdorf ins Haus, wo Herr Lorenz auch heute noch mit seiner zweiten Frau wohnt. Seine erste Frau Hildegard ist vor einigen Jahren gestorben. Mit Dankbarkeit erinnert sich Herr Lorenz an sie: „Ohne Hildegard wäre das alles nicht möglich gewesen“.

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Das Domizil des Architekten

Das Haus schmücken einige Elemente aus der Kirchenarchitektur: ein Wasserspeier ragt aus der Wand heraus, in einer Nische steht eine Heilige. Es ist unverkennbar ein Architektenhaus.
Mit Kirchenbau ging es kontinuierlich weiter. Es ist schier mühsam die Kirchen zusammen zu zählen, die Josef Lorenz geplant, gebaut oder geplant und gebaut hat: St. Quirinus in Mauenheim, St Laurentius in Lindenthal, St. Hedwig in Höhenhaus, St. Markus (heute St.Dimitrios in Seeberg) u.a.m.

Die Gotteshäuser des Architekten Lorenz

St. Markus wurde von dem Architekten  F. Schaller geplant, der bekannt für die alte Domtreppe ist. Josef Lorenz hatte die Bauleitung für St Markus übernommen und dabei die Dachkostruktion verbessert: Statt einem Flachdach hat er das Schrägdach gebaut. Interessant ist auch, dass für St. Laurentius alte Steine von früheren Bauernhöfen verwendet wurden, Recycling pur, so zu sagen. Die letzte Arbeit war der Umbau von St. Severin in Mehlem.

Es sind nicht nur Kirchen gewesen

Das Heilig Geist Krankenhaus mit dem dazugehörigen Gebäude hat auch Herr Lorenz geplant. Sein Büro lag im Mutterhaus der Cellitinnen, - es war schon fertig. Mehr als 1000 Pläne wurden angefertigt, unter anderem ein Schwimmbad für die Schwesternschule. Die Bauleitung hat dann Architekt Schollmeier übernommen. Das war 1960-64. Aber nicht nur Kirchen standen auf dem Programm, auch Häuser, ein Kirchturm, eine Apotheke, ein Kindergarten (in der Riphanstrasse) und und und…

Eine interessante Episode markiert seinen nächsten Lebensabschnitt. Eines Tages ist Josef Lorenz an einer Kirche in Lothringen vorbeigefahren, die als solche eigentlich nicht zu erkennen war, - eine Scheunenkirche. Sie wurde 1943 in einem Ort gebaut, in dem die SS saß. Die Kirche sollte auch versteckt bleiben. Diese Geschichte hat Herrn Lorenz sehr beeindruckt. Architekt Emil Steffann, ein Ehrendoktor (H. c.) bei Bonn, hatte die Kirche gebaut.

Kein Wunder, dass Josef Lorenz als Angestellter bei Emil Steffann eingestiegen war. Wir sind jetzt im Jahre 1968.

Die E. Steffann-Company ist wie eine zweite Familie für ihn geworden war. Bei der Verleihung des  Doktortitels hat E. Steffann sehr bedauert, dass er einen Hut und nicht eine Torte für seine Mitarbeiter bekommen hat.
Josef Lorenz wollte sich schwerpunktmäßig auch als Kirchenbaumeister profilieren. Erfahrung hatte er ja genug gesammelt. Deswegen hat er sich dann als Architekt selbständig gemacht.

Das eigene Architektenbüro

Als Selbständiger konnte man zudem als angenehmem Nebeneffekt auch wesentlich mehr verdienen.
Eine 1000-Mark Prämie vom Gerling-Vorstand für eine Wendeltreppe zur Orgelempore in St. Laurentius kam sehr gelegen!

Josef Lorenz kann aus seinem Leben unendlich viele interessante Geschichten erzählen.
Eine Episode ist einzigartig:  Eines Tages wollte Pfarrer Neukirch die Kirche St. Hedwig besichtigen. Und dabei ist er auf eine Idee gekommen:  Josef Lorenz hat den Brautsegen in der Kirche empfangen, die er selbst baute! Die Kirche sieht wie ein Wehrburg aus. Sie wurde mit Natursteinen aus Belgien gebaut. Die Wände sind ein Meter dick. Die Wärmedämmung ist perfekt. Dadurch konnte man die Heizkosten sehr niedrig halten: 3 Tsd. Mark gegenüber  23 Tsd. Mark bei vergleichbar großen Kirchengebäuden. Für die beiden Kirchen erhielt er auch einen Architekturpreis. Bronzene Plaketten schmücken die Mauern von St. Hedwig und St. Laurentius.

Dazu noch eine Geschichte: Es kam ein Italiener - Tino Grisi - nach Deutschland, um seine Doktorarbeit zu schreiben. Er war von den Kirchen so fasziniert, dass er ein Buch zum Thema geschrieben hat: „Können wir noch Kirchen bauen?“(2014 ISBN 978-3-7954-2872-3)
Herr Lorenz hat die Frage mit einem klaren und deutlichen „Ja“ für immer beantwortet!
 
26.03.2017, Larissa Owtscharenko

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